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Notes

Clara Schumann und Dresden – eine Haßliebe.


Dresden, als die Stadt, die Clara Schumann in ihrem Leben und Lieben prägt. Die Schmiede ihrer späteren Lebensform, der Ort, an dem das aufkeimt, was blühen, verblühen und verdorren wird.


Die sechzehnjährige Clara Wieck besucht Dresden das erste Mal kurz nachdem die junge Liebe zu Robert Schumann soeben begonnen hatte. Als Clara Schumann kehrt sie mit Ehemann und Kindern in diese Stadt zurück, bleibt sechs Jahre daselbst wohnhaft.


Januar 1836. Eine Verlobung wird aufgehoben: Robert Schumann ist frei. Nun gehört er endlich Clara; der erste Kuß ist noch spürbar, das Glück ungetrübt. Nur der Vater! Friedrich Wieck erkennt, in welche Richtung sich seiner Tochter Gefühle entwickeln, wird intervenieren. In diesem Hause bedeutet das immer Konzertreise. Die erzwungene Trennung wissen die Jungverliebten gewieft zu überwinden: Robert fährt Clara heimlich besuchen während Wiecks Absenz. Sie treffen sich, drei Tage lang, die Heimlichkeit, das Bangen um des Vaters Zorn erhöht ihre Glückseligkeit. „Sei Du mein höchstes, letztes Ziel, Clara, Engel an Reinheit und Unschuld, führe mich zur Kindheit zurück!“1 Wieck kehrt zurück, es gibt großen Ärger und wieder nur einen Ausweg: der führt weiter östlich, nach Breslau.


Im Dezember 1844, wieder Winter: Das Ehepaar Schumann übersiedelt nach Dresden. Das Leben ist von häuslicher Harmonie, wie in Tochter Maries Kindheitserinnerungen nachzulesen ist, von Geburten (In den folgenden Jahren werden vier Kinder geboren.), Todeserfahrungen (Sohn Emil und die langjährigen Freunde F. und F. Mendelssohn-Bartholdy sterben), neuen, wichtigen Bekanntschaften (E. Bendemann) und politischen Unruhen (Maikämpfe 1849) bestimmt. Natürlich wird viel gearbeitet, jeder für sich und einander unterstützend (etwa wenn Clara bei Orchesterproben assistiert), auf dem nah beiliegenden Gut Maxen finden sie ausreichend Erholung davon. Ruhige Jahre, mit doch einem Ostinato: Roberts Krankheit beginnt sich Bahn zu brechen. Kapitelende im September 1850: Familie Schumann zieht nach Düsseldorf.


Dresden ist nicht einfach eine weitere Stadt, nach Leipzig, Baden-Baden oder Frankfurt, die einen Aufenthalt der Clara Schumann verzeichnet. Ihre persönlichen Bindungen an diesen Ort sind von stärkerer Wirkkraft. Auf der einen Seite steht da das Übersprudeln der Gefühle einer frisch und erstmals Verliebten. Wie läßt uns nicht diese Empfindung unsere Umgebung anders, stärker, offener wahrnehmen! Die ersten Jahre gemeinsamen Lebens mit Robert als Gatten spiegeln dann bereits ein anderes Erleben und Bild: Sie wurde in die Rolle der Haus-/Ehefrau und Mutter gezwungen, die sie niemals zu spielen wünschte. Erst viel später setzte sie sich über diese erwarteten Verhaltensmuster hinweg, reiste konzertierend beinahe frenetisch von Ort zu Ort, wenig achtend, was sie zurückgelassen. Fast scheint es, als habe sie die für das Podium verlorenen Jahre aufholen wollen. Es gibt also eine bipolare Beziehung zur Stadt: Die schöne Erinnerung an die Liebe, nicht nur während ihrer ersten Tage, doch auch die Assoziation mit der Figur klara, die für die Bühne verloren, sich nur dem Haushalt, Ehemann und Kindern widmet.


die pianistin. ein nachspiel muß an einer Stätte zur Aufführung kommen, die alles symbolisiert, was Clara Wieck beseelte, Clara Schumann verachtete. Das musikalisch-theatralische Psychogramm von und mit Katrin Schinköth-Haase und Maria-Clara Thiele bringt innere Regungen und Hoffnungen der Pianistin zur Sprache, die in eine Situation gefangen und gebunden wurde, mit welcher sie zeitlebens strauchelte. Der direkte Bezug zum Aufführungsort wird aber noch durch ein weiteres Faktum hergestellt: Clara Schumann hatte im Coselpalais selbst gespielt. Nun kehrt sie dahin zurück: in der Darstellung zweier kritischer Anhängerinnen.


die pianistin. ein nachspiel – 29. Dezember 2010.


Maria-Clara Thiele


1 Robert Schumann, Brief


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